Reisebericht Nr. 53

Nordamerika | USA – Das Staunen beginnt in Oregon!

„Die Natur malt für uns Tag für Tag Bilder von unendlicher Schönheit, wenn wir nur die Augen haben, sie zu sehen!“ – John Ruskin

Tosend stürzen die weißen Wassermassen des Koosahfalls unaufhaltsam über eine breite Lavakappe in einen völlig in Gischt eingenebelten Pool. Der Kontrast des tief dunklen Grün der moosbewachsenen Wälder und dem schäumenden Weiß des McKenzie Rivers kann nicht reizvoller sein. Dort, wo noch das Blau des Himmels über den immergrünen Waldgebieten zusammentrifft, stürzt es wie aus dem Nichts in die Tiefe. Entlang des Wanderpfades treffen wir auf eine ungläubig in die Höhe starrende Menschentraube! Nicht der Wasserfall selbst scheint augenscheinlich der Anziehungspunkt der offen stehenden Münder zu sein. Nein, ganz oben, winzig, und doch wahrhaftig steht ein junger Mann, sein Kajak fest umklammert. Noch von der Kante des Ufers erfasst sein Blick die Tiefe, 23 Meter, und wir wissen nicht wie dieses Schauspiel enden wird. Eins ist dem jungen, kühnen Kajakfahrer sicher, wir werden uns nicht vom Fleck rühren. Er verschwindet, es dauert und mancher in unserer Runde, mit mutigem Mundwerk, hat die ersten lockeren Sprüche parat. Doch die Ungläubigen werden eines besseren belehrt. Das blau leuchtende Kajak schiest über die Kante senkrecht in die Tiefe, verschwindet für eine gefühlte Ewigkeit in den Fluten, um dann unter unseren Hochrufen aufzutauchen. Wir hören den Jubelschrei des mit Adrenalin aufgeputschten Helden, trotz unseres lauten Applauses. Respekt! Das müssen die Nachkommen der einst mutigen Pionere des 3.500 Kilometer langen Oregontrecks von 1850 sein!

Oregon bietet eine so vielfältige Mischung an Landschaften, die wir mit unserem Wohnmobil in der heutigen Zeit einfach wunderbar flexibel bereisen können. Wir kampieren in den Wäldern, deren Lichtungen sicherlich viele Menschen auf dem Oregontreck gen Westen vor uns beherbergt haben. Waschen unsere Wäsche und füllen unsere Wasservorräte aus den kristall­klaren Flüssen auf, genau wie um 1900.

Wobei uns all die Annehmlichkeiten eines modernen Reiselebens begleiten. Wir frieren nicht, wir haben immer genügend Nahrung bei uns und müssen nicht unter freien Himmel schlafen. Doch Bären, Klapperschlangen, Kojoten, der Wolf oder die Skorpione sind auch unsere Begleiter in dieser Wildnis. Beim Anblick des 3.425 Meter hohen Mount Hood, der etwa 80 Kilometer östlich von Portland in den Himmel ragt, sind auch wir, die wir schon so viele wunderschöne Vulkane gesehen haben, wirklich beeindruckt. Das Titelbild (links oben) zeigt ihn in seiner ganzen Schönheit und im Spiegelbild des Trilliumlakes. Das Gebiet ist ein Paradies für uns Outdoor-Enthusiasten, die nach Abenteuern suchen. Ob klettern, wandern oder einfach nur die Ruhe genießen, diese Landschaft lässt niemanden mehr so richtig los.

Und es gibt weitere Highlights, die sich der staunende Reisende nicht entgehen lassen sollte. Der Crater Lake Nationalpark! Wir besuchen ihn im Frühjahr, wo der Rand und die umliegenden Gebirgszüge des tiefsten Sees der USA noch in einem sauberen Weiß aus kaltem Schnee gehüllt sind und die Blaufärbung des Wassers noch schöner erscheint. Der Vulkansee ist vor 7.700 Jahren entstanden und bis zum Rand mit reinem, klarem Wasser gefüllt. Fast 600 Meter tief! Bei schönem Wetter spiegelt sich der Himmel mit seinen weißen Wolken auf der glatten Oberfläche wider und erzeugt eine ganz besonders schöne Stimmung.

Es gab Zeiten, da war ich sehr verwundert über die Art der Berichterstattung auf NBC oder anderen amerikanischen Nachrichtensendern. Wenn es dann nach einer halben Stunde hieß, nach allen aktuellen Ereignissen in den USA: „Und nun in den letzten 30 Sekunden: News from the rest of the Would.“ Neues aus dem Rest der Welt! Das lies mich immer ein bisschen ratlos dastehen, wusste nicht, was ich davon halten sollte. Was dies für eine Einstellung ist, dem „Rest“ der Welt gegenüber. Nun, bereits zum zweiten Mal, beim Durchreisen dieses riesigen Landes, stelle ich staunend fest, dass der Rest der Welt bedeutungslos wird und ich ihn nicht mehr spüre. Alles ist so weit entfernt. Nicht nur dass wir oft außerhalb der Zivilisation, wie einst die Trapper kampieren, nein auch weil dieses Land einfach alle Landschaften beherbergt. Gletscher, Vulkane, Berge, Flüsse, Meer, Seen. Selbst Sandwüsten und heiße Quellen. Es gibt wohl nichts, was es nicht gibt hier im Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Lässt dies das Gefühl entstehen, dass der Rest der Welt sich klein anfühlt, fast unwichtig wird? Während ich nun darüber nachsinne, geht die Sonne  hinter den majestätischen Gipfeln der Cascada Range unter, taucht die Wälder in ein goldgelbes Licht und mir bleibt nur das Staunen über die Schönheit Oregons, diesem ganz im Nordwesten liegenden Bundesstaat, seine mutigen und freundlichen Menschen und die Freude darüber, dass es nicht der letzte Besuch gewesen sein wird.

Anke und Wolfgang

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