Meine Plauderroute

Verabredet mit Michael Pitt

Mein heutiger Plaudergast ist der Oldtimer-Fan Sven-Eric Bierhenke

Mit dem Admiral durch das Lipperland

„Hast du Lust, mich morgen auf der ‘Cheruskerfahrt Klassik’ zu begleiten?“, fragt die Stimme aus dem Telefon. Ich habe keine Ahnung, was diese Cheruskerfahrt ist, und „morgen“ ist auch recht kurzfristig, denke ich bei mir. Andererseits war mein Vorsatz für dieses Jahr, offener für Neues zu sein; und als ich dann höre, dass es sich um eine Touristische Oldtimerfahrt für Automobile rund durch das Lipperland handelt, sage ich kurzentschlossen zu. 

Ich betrachte Autos eher pragmatisch als Nutzfahrzeuge, die mich von A nach B befördern, nichtsdestotrotz staune auch ich immer wieder über die schicken alten Gefährte und deren blitzenden Chrom, wenn sie durch die Straßen rollen oder auf einem Event ausgestellt werden. Ich hoffe also, an diesem Tag ein wenig mehr über „alte Autos“ und deren Besitzer zu erfahren. Abgeholt werde ich mit einem Bernstein Gold-Metallic farbenen Opel Admiral (ich Banause hätte ihn rostbraun genannt), Jahrgang 1976, von Sven-Eric Bierhenke, der Stimme aus dem Telefon. “Sechs Zylinder, 160 PS, 200 km/h Spitze, 15 Liter auf 100 Kilometer”, raunt er mir zu, nachdem ich mich in den für heutige Tage ungewohnt tiefliegenden, aber durchaus bequemen Beifahrersitz gelümmelt habe. 

Wir fahren zum Start an das Hermannsdenkmal, dort parken schon rund 70 Oldtimer. Vom Opel Manta 400 (1984) über einen Alfa Romeo Giulia Super (1973), einen Volvo Amazon (P121, Jahrgang 1962) und einen Ferrari 550 Maranello (Jahrgang 2000) ist nahezu jede Automarke vertreten. Die Fahrer und Beifahrer sind vom Alter und Geschlecht bunt gemischt, man kennt sich und der Umgangston ist freundlich. Einige Teilnehmer kommen aus Norddeutschland, dem Ruhrgebiet und dem südlichen Deutschland, die meisten allerdings aus dem lippischen Raum. Ein Kommissar kontrolliert den technischen Zustand der Fahrzeuge, Sportkommissar Eckhard Hübner, der dienstälteste Sportkommissar im Bezirk, gibt letztendlich sein OK. Der gastgebende Verein, der „Motorsportclub Hermannsdenkmal, seit 1951“ organisiert die Veranstaltung vorbildlich. Bei der Vorbesprechung werden Einzelheiten zur Route und den zu lösenden Aufgaben erläutert, zusätzlich wird ausdrücklich zur Rücksichtnahme beim Durchfahren von Siedlungen aufgefordert.

„Na, dann holen wir mal das Bordbuch“, grinst Sven-Eric gut gelaunt. Es wird erst kurz vor dem Start herausgegeben, damit die Spannung erhalten bleibt. Dieses Bordbuch beinhaltet – rudimentär – die bevorstehende Route in Kartendarstellung, Orientierungspunkte, welche in vorgegebener Reihenfolge abzufahren sind, sowie die Vorgaben für die sogenannte GLP (Gleichmäßigkeitsprüfung). In dieser müssen vorgegebene Strecken nacheinander in vorgegebenen Zeiten abgefahren werden – und zwar sekundengenau. Ich ahne langsam, was da auf mich zukommt und dämpfe in weiser Voraussicht die Erwartungen meines Fahrers auf eine gute Platzierung …

Wir fahren über Heiligenkirchen und Remmighausen zum Industriegebiet Meiersfeld/Rödlinghausen, dort soll die erste GLP stattfinden. Meine Kartenlesefähigkeiten sind desaströs, und nachdem wir von zahlreichen nach uns gestarteten Mitstreitern überholt worden sind, finden wir den Gewerbehof und absolvieren die erste Prüfung. Na, das geht ja gut los.

Über Brokhausen und Wiembeck bewegen wir uns in Richtung Voßheide, Wendlinghausen und Humfeld. Über unsere epische Unfähigkeit, zwischendurch acht Orientierungspunkte in der richtigen Reihenfolge abzufahren, müssen wir mittlerweile selbst herzhaft lachen; die zweite GLP endet ebenfalls in einem Fiasko. Nachdem damit eine gute Platzierung in weite Ferne gerückt ist, vereinbaren wir, den Rest des Tages entspannter anzugehen. Und siehe da, zumindest werden wir uns den Rest des Tages keinen richtigen Bock mehr leisten.

Schwelentrup, Niedermeien und Asendorf passieren wir auf unserem Weg nach Lüden­hausen. Dort stärken wir uns mit Gulasch, Spätzle und Kaffee während der Mittagspause, dann erhalten wir das zweite Bordbuch für den Nachmittag und machen uns auf den Weg nach Bösingfeld, Alverdissen und Barntrup. Zwischendurch versuchen wir die Aufgaben so gut wie möglich zu lösen und genießen nun aber auch vermehrt die lippische Hügellandschaft bei Kaiserwetter. Blomberg und Belle folgen, bei der Zeitkontrolle im dor­tigen Industriegebiet treffen wir auf weitere Teilnehmer. Man tauscht sich während der Wartezeit auf die folgende GLP aus und fachsimpelt, dann fahren wir weiter über Reelkirchen, Fissenknick, Remmighausen und Heiligenkirchen zum Ziel an den Donoper Teichen – nicht ohne beim Altersheim in Pivitsheide zur Freude der Bewohner noch ganz langsam eine Ehrenrunde zu drehen.

Der Tag war anstrengend, aber auch erlebnisreich und schön. Das Lipperland zeigte sich erneut von seiner besten Seite, ich vergesse immer wieder, wie viele malerische „Ecken“ direkt vor unserer Haustür liegen. Die Veranstaltung war großartig organisiert, ich weiß nun einiges mehr über Old­timer. Über unsere Platzierung legen wir den gnädigen Mantel des Schweigens.

Image

Hier gibts noch mehr Oldtimer-Vergnügen!

MSC Hermannsdenkmal
Touristische Oldtimerfahrten in Westfalen