Ein Wal in Nordrhein-Westfalen? Heute wäre das eine ziemlich sensationelle Nachricht. Vor Millionen von Jahren dagegen gehörten Wale hier ganz selbstverständlich zum Leben. Denn dort, wo heute Städte, Wälder und Felder liegen, erstreckte sich zeitweise ein warmes Flachmeer. Seekühe und Robben lebten in seinen Küstenregionen, Haie durchstreiften das Wasser – und über all dem hätte man vergeblich nach einer vertrauten Landschaft gesucht.
Wie grundlegend sich Nordrhein-Westfalen seitdem verändert hat, zeigt schon der Vergleich der damaligen und heutigen Land-Wasser-Verteilung. Große Teile des Landes standen zeitweise unter Wasser. Ursache dafür waren unter anderem ein höherer Meeresspiegel und geologische Veränderungen. So entstand beispielsweise die Niederrheinische Bucht, die sich zunächst zu einem überfluteten Becken entwickelte.
Haie vor der Haustür
Wer damals im Urmeer hätte baden gehen können, wäre dort auf durchaus eindrucksvolle Bewohner getroffen. Verschiedene Haie bevölkerten die Gewässer. Darunter waren Verwandte von Mako- und Tigerhaien, aber auch Vorfahren und Verwandte des heutigen Weißen Hais. Selbst der gigantische Otodus megalodon, besser bekannt als Megalodon, hinterließ seine Spuren in Nordrhein-Westfalen.
Von diesen längst vergangenen Meeresbewohnern zeugen heute Fossilien – manchmal nur wenige Zentimeter groß. Ein einzelner fossiler Haizahn kann verraten, welche Tiere vor Millionen von Jahren durch das Meer schwammen.
Ein in der Ausstellung gezeigter Zahn etwa lässt sich einem Makohai zuordnen. Doch die eigentlichen Stars des Urmeeres waren die Meeressäuger.
Wale mit Kauzähnen
Wale, Seekühe und Robben hatten die Meere erobert. Manche dieser Tiere hätten uns vermutlich erstaunlich vertraut gewirkt, andere dagegen ziemlich ungewöhnlich.
Ein Beispiel ist Eosqualodon langewieschei, ein früher Zahnwal, dessen Fossilien am Doberg bei Bünde gefunden wurden. Sein Gebiss verrät, dass die Evolution der Wale damals noch andere Lösungen hervorgebracht hatte als heute: Im hinteren Teil seines Kiefers saßen spezialisierte, gezackte Zähne, mit denen Nahrung zerkleinert werden konnte. Moderne Zahnwale besitzen solche „Kauzähne“ nicht mehr. Ihre Zähne sind meist glatt und spitz und dienen vor allem dazu, Beute zu packen.
Später waren auch Bartenwale in den Gewässern des heutigen Nordrhein-Westfalens unterwegs. Statt Zähnen besitzen sie Barten, mit denen Nahrung aus dem Wasser gefiltert wird. Einer der spektakulärsten Funde aus dieser Zeit ist der Kervenheimer Wal. Das fast sieben Meter lange Tier wurde bei Kevelaer-Kervenheim gefunden – und gehört zu den Höhepunkten der Ausstellung in Detmold.
Aus Urmeer wird Braunkohle
Doch auch diese Welt blieb nicht bestehen. Oligozän und Miozän waren Zeiten gewaltiger Veränderungen. Das Klima war in unserer Region zunächst noch subtropisch bis mediterran geprägt, gleichzeitig setzte jedoch ein langfristiger weltweiter Abkühlungstrend ein. Der Meeresspiegel sank, das Wasser zog sich zurück und die Walheimat verschwand. Wo zuvor Meer gewesen war, breiteten sich teilweise ausgedehnte Sümpfe aus. Pflanzenreste sammelten sich an und wurden im Laufe von Millionen Jahren zu Braunkohle. Erdgeschichte bedeutet eben vor allem eines: Veränderung.
Eine versunkene Welt kehrt zurück
Die Fossilien aus Nordrhein-Westfalen erzählen deshalb mehr als nur die Geschichte außergewöhnlicher Tiere. Sie zeigen, wie sehr sich Landschaften, Klima und Lebensräume verändern können – und wie Tiere darauf reagieren.
Wale gehören dabei zu den großen Erfolgsgeschichten der Evolution. Ihre Vorfahren gingen einst an Land, ihre Nachfahren kehrten ins Wasser zurück und eroberten schließlich die Weltmeere. Auch Seekühe und Robben leben seit vielen Millionen Jahren im und am Meer.
Heute würde niemand mehr in Detmold, Bünde oder am Niederrhein nach Walen Ausschau halten. Ihre fossilen Überreste zeigen jedoch: Ein Teil dieser erstaunlichen Geschichte spielte sich tatsächlich direkt vor unserer Haustür ab.
Mit „überLeben – Walheimat Urmeer“ lässt das Lippische Landesmuseum diese versunkene Welt wieder auftauchen – mit originalen Fossilien, Lebensdarstellungen und einem fast sieben Meter langen Zeugen aus einer Zeit, als Nordrhein-Westfalen noch Walheimat war.