Valdez ist in den Sommermonaten kein Ort der Einsamkeit, sondern ein Ort des geschäftigen Treibens, der ganz im Zeichen des Wassers und seines Reichtums steht. Überall liegen Netze, Bojen und Kisten. Im Hafen teilen sich riesige Trawler, die auf Königslachse fischen, den Platz mit bunten Kajaks und kleinen Ausflugsbooten, die die Touristen zu den nahegelegenen Gletschern und reichen Fischgründen bringen. Hier, in den eisigen Gewässern des Prince William Sound, erhoffen sich Angler verschiedener Herkunft und aller Altersklassen den Fang ihres Lebens: einen monströsen Heilbutt von der Größe einer Tischplatte oder einen, gewichtigen Silberlachs. Und tatsächlich – am späten Nachmittag kehren die Touristenboote zurück! Angler und Crew wirken müde und zufrieden zugleich. Der reiche Fang, Fische so groß, dass man sie nur mit beiden Händen tragen kann, werden rituell und mit Stolz aufgereiht und für das obligatorische Erinnerungsfoto in Szene gesetzt.
Doch dieses geschäftige Treiben im Hafen ist nur ein Teil des lebhaften Trubels, des menschlichen Gewimmels, die für uns große Attraktion, spielt sich zu dieser Jahreszeit außerhalb der Stadt ab. Um diese zu erleben, verlassen wir das Lärmen der Schiffsmotoren und folgen dem Duft von Salz, Tang und einem unverkennbaren, von vielen kaum zu ertragenen Geruch – dem Gestank unzähliger Fische, deren Leben genau hier endet; nachdem sie mit einer unglaublichen Kraftanstrengung und einem nicht zu erklärenden Instinkt nach Jahren zu ihrem Geburtsort zurück gekehrt sind, um genau hier zu Laichen, erscheint uns wie ein Wunder!
Im Fjord, am Zulauf eines Flusslaufs entfaltet sich das ursprünglichste Drama der Natur. Als wir unseren Platz ganz in der Nähe dieses Schauspiels beziehen, ist die Luft bereits erfüllt vom lauten Geschrei der Möwen, die über dem Wasser kreisen und sich auf die Überreste des Festmahls stürzen. Ihr gellendes Kreischen ist die Soundkulisse des alljährlich wiederkehrenden Naturschauspiels. Tausende von Lachsen lassen das Wasser brodeln. Überall dem liegt der Geruch von totem Fisch und salziger Gischt. Am Ufer liegen unzählige Kadaver, denen Augen und Innereien fehlen. Die Seelöwen jagen mit beeindruckender Effizienz, tauchen pfeilschnell in die Schwärme der Lachse, die sich ihren Weg flussaufwärts bahnen, und teilen sich die schier unendliche Fülle an Nahrung mit den Möwen und den Weißkopfseeadlern.
Doch die Stimmung ändert sich schlagartig, als am späten Nachmittag ein neuer Akteur erscheint. Ein mächtiger Schwarzbär tritt aus dem Dickicht des Uferwaldes heraus. Die Seelöwen, die sich Momente zuvor noch als Herren der Flussmündung gebärdeten, werden unruhig. Sie rotten sich enger zusammen, beobachten den Neuankömmling mit wachsamer Vorsicht und halten respektvollen Abstand. Sie wissen instinktiv, dass hier ein anderer Jäger den Fluss betritt.
Und dann beginnt das Schauspiel in der Abendstunde. Der Bär watet ins Wasser, sein dunkles Fell hebt sich in einem kräftigen, Kontrast zu der Szenerie im Hintergrund ab. Mit einer Mischung aus unendlicher Geduld und hoher Konzentration steht er regungslos da, die Augen auf die Fischmassen gerichtet. Eine schnelle Bewegung der Tatze, ein Platschen – und er zieht einen zappelnden Lachs heraus. Mit ruhiger Selbstverständlichkeit trägt er seine Beute ans Ufer, setzt sich und beginnt zu fressen, um dann erneut seine Fähigkeiten zur Schau zu stellen. Uns bleibt nur das Staunen. Es ist ein Moment purer, unverfälschter Wildnis, der Höhepunkt einer Reise an einen Ort, an dem die Natur noch ihr uraltes, ungebändigtes Gesicht zeigt.
Es ist fast eine schicksalshafte Pointe, dass dieser letzte Reisebericht, dieser langjährigen Sammlung, nicht von antiken Stätten oder pulsierenden Metropolen handelt, sondern von einem Ort an dem das ursprüngliche Drama der Natur jedes Jahr aufs Neue stattfindet. Es war eine Reise der Worte bei der Stifte und Kamera unsere ständigen Begleiter waren und jeder Reisebericht ein Kapitel nicht nur über fremde Länder sondern auch über uns selbst war. Alle Orte die wir beschrieben, alle Kulturen die wir erkundeten und alle Horizonte die wir sahen führten uns nun doch wieder zu einem Ort der nicht ursprünglicher und unverfälschter hätte sein können.
Erst im Schreiben, im Formulieren, im Ordnen der Worte und im Versuch, so viel Unbeschreibliches in Sätze zu fassen, erkennt man den wahren Kern der Erfahrung. Die Berichte waren die Brücke zwischen den oft überwältigenden Momenten da draußen, und dem Versuch es im eigenen Inneren zu begreifen. Dies mit Euch allen teilen zu dürfen, war uns eine große Freude!
Anke und Wolfgang