Die gute Seele im Gotteshaus

Interview mit einem Küster

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Täglich von acht Uhr morgens bis zehn Uhr abends erklingt alle zwei Stunden das Glockenspiel vom bekannten gelb gestrichenen Turm im Zentrum der Lemgoer Innenstadt. Aber nicht das Glockenspiel ist seine Aufgabe – sondern vieles andere rund um die Kirche St. Nicolai. Gerd Borchers ist Küster mit Leib und Seele. Er sorgt für Ordnung auf dem Kirchplatz, dass Gottesdienste und Veranstal­tungen glatt laufen, er regelt Licht, Ton und alles, was sonst noch so geregelt werden muss.

Wie sind Sie dazu gekommen, Küster zu werden?
Im Sommer 2002 habe ich als gelernter Tischlermeister nach einer beruflichen Veränderung gesucht. In der Lippischen Landes-Zeitung habe ich dagegen die  Ausschreibung einer Küsterstelle in St. Nicolai Lemgo gefunden. Dass Kirchenmitarbeiter so über die Landes-Zeitung gesucht werden, hatte ich vorher noch nie erlebt. Die Anzeige hatte mein Interesse geweckt und ich habe mir gedacht: Da bewerbe ich mich. Im März 2003 wurde ich gewählt und habe seitdem noch keinen Tag bereut, diesen Weg eingeschlagen zu haben.

Was macht Ihnen an Ihrem Beruf als Küster am meisten Spaß?
Am besten gefällt mir der Umgang mit so vielen unterschiedlichen Menschen zusammen im Team. Im Laufe der Zeit hat sich die Besetzung immer wieder verändert – aber der Küster bleibt. St. Nicolai ist ein wirklich schöner Ort zum Arbeiten! Und natürlich auch mein Kirchplatz, den ich in Ordnung halte und dabei vielen Menschen begegne.

Was sind Ihre Haupttätigkeiten in Ihrem Alltag?
Ich starte den Tag immer mit meiner Küsterrunde. Einmal um die Kirche herum. Dabei sammle ich den ganzen Müll auf, der dort leider immer wieder hingeworfen wird – hauptsächlich Zigarettenstummel und Kaugummi. Die Runde hat aber auch schöne Seiten. Denn dabei treffe ich auch meine Nachbarn, die für einen kurzen Plausch vorbeikommen.

Nach der Küsterrunde bereite ich die Kirche für den neuen Tag vor. Gebetskerzen austauschen, Infomaterial auffüllen, Licht einschalten und natürlich die Kirche aufschließen, damit die Besucherinnen und Besucher hereinkommen können. Bei den Vorbereitungen hilft mir unsere Info-App „Church Desk“. Da stehen alle wichtigen Infos für mich abrufbar drin und ich kann alles super für das vorbereiten, was an dem Tag ansteht.

Was macht Ihren Beruf besonders?
Das Besondere für mich sind ganz klar die Menschen. Ich treffe so viele Leute in unterschiedlichen Lebenslagen. Ich treffe die täglichen Besucher in St. Nicolai, die die andächtige Ruhe des Ortes genießen oder die Veranstaltungen besuchen, die zum Gottesdienst kommen oder die sich einfach für das historische Kirchengebäude interessieren. Ich treffe das Brautpaar zur Planung der Hochzeit. Die Konfirmanden bei der Kirchenrallye. Die Trauernden bei Beerdigungen. Gemeindemitglieder beim Abholen der Gemeindebriefe.

In ihrem Beruf treffen alte Traditionen und neue moderne Technik aufeinander. Erzählen Sie uns mehr darüber, wie das bei Ihnen im Alltag als Küster zusammen funktioniert.
Das funktioniert ziemlich gut. Von 2008 bis 2010 wurde St. Nicolai sehr umfangreich renoviert. Gewissermaßen habe ich dadurch einen ganz neuen Arbeitsplatz bekommen: Neue Tontechnik und vor allen Dingen neues Licht samt Steuerung. Das verbindet sich wunderbar mit allem, was gleich geblieben ist. Die alten Mauern und die Kunstwerke, die Gottesdienstbesucher und die Menschen, die in dieser schönen Kirche arbeiten, sind nun in neuem Licht zu sehen.

Bieten Sie in diesen alten Mauern auch besondere Führungen an?
Ja. Als Patenkirche vom Kindergarten Rampendal mache ich sehr gerne Kinderführungen für und mit den Kindern, damit sie die Kirche etwas kennenlernen können. Das ist immer eine besondere Freude. Aber auch ganz spontane Führungen sind möglich. Sprechen Sie mich gerne einfach mal an.

Haben Sie bei Ihrer Arbeit Unter­stützung? Und kann man Ihnen auch ehrenamtlich helfen?
Über Hilfe freue ich mich natürlich immer. Die Konfirmanden machen zum Beispiel ein Gemeindepraktikum. Dabei können sie meine ganzen Arbeitsfelder kennenlernen und mich bei der Arbeit unterstützen. Zusammen macht alles besonders viel Spaß. Auch die Pfingst- und Weihnachtsbäume stellen wir im Team auf.

Gab es ein besonderes oder kurioses Ereignis bei Ihrer Arbeit?
Oh ja. Da gab es mal eine Hochzeit mit auswärtiger Braut. Am Freitag wurde dafür eine Stunde lang geprobt und alles vorbereitet. Am Samstag war dann der große Tag. Die Glocken läuten und alle warten. Und warten. Aber … keine Braut da. Erst zwanzig Minuten später atmen alle auf: Die Braut ist da! Der Grund für die Verspätung? Die Frisur hatte nicht richtig gesessen.

Gibt es etwas, was Sie anderen Menschen gerne mit auf den Weg geben möchten?
Nutzen Sie die Ruhe einer offenen Kirche. Die positive Wirkung ist größer, als man denkt.

Vielen Dank für die interessanten 
Einblicke in Ihren spannenden Beruf, Gerd Borchers! 

// Weitere Informationen finden Sie unter www.nicolai-lemgo.de