Die Erde bebte bei ihrer Ankunft unter ihren harten Hufen! Oder die großen Naturfilme, die diese Giganten zeigen, wie sie mit ihrem riesigen Schädeln den Schnee im langen, kalten Winter behäbig zur Seite schieben, um an die trockenen Gräser zu gelangen, während ihre Atemluft wie eine Rauchfahne in der klirrenden Kälte gen Himmel strömt. Für mich sind das die Szenen die eine große Sehnsucht hervorrufen, die Sehnsucht diese zotteligen Riesen einmal in der Natur fernab von Zoo oder Park zu erleben. Wir hören von den im Norden British Columbia ansässigen Waldbisons, einer geschützten Population, die in freier Wildbahn lebt. So führt uns unser Weg schon in diesem Jahr an die Grenze des Yukon, ein Stück auf dem legänderen Alaska Highway.
Der Alaska Highway ist eine 2.237 Kilometer lange internationale Fernstraße, die von Dawson Creek in Kanada bis nach Delta Junction in den USA führt. Aber stellt euch diese Fernstraße nicht so vor, wie wir sie in Europa kennen. Es ist eine Landstraße, rechts und links ein breiter Streifen Grün, dann Wald. Wald bis über die Hügel und darüber hinaus. Wald so weit das Auge sehen kann. Seen, Flüsse! Schon asphaltiert und doch oft mit abenteuerlichen Schlaglöchern gespickt. Ab und an eine Versorgungsstation. Versorgung findet hier über abenteuerliche Wege statt.
Und zu unserer Überraschung für die müden Glieder nach langer Fahrt: eine heiße Quelle, die Liard Hotsprings. Angekommen, tauchen wir ein und genießen das gut temperierte Wasser und die außergewöhnliche Vegetation, die durch die mineralischen heißen Quellen entstanden ist. Elch, Bär und Bison fühlen sich in der kalten Jahreszeit an diesem Ort besonders wohl.
Schon am ersten Abend, abseits der Thermalbecken, können wir unser Reisemobil nicht mehr verlassen. Wir trauen uns nicht mehr vor die Tür, denn Bär und Bison betreten die Bühne. Der Bär hebt seine Nase in die Luft und schnuppert, bevor er sich langsam in Richtung Bisonbullen bewegt. All ihre Bewegungen sind ruhig und respektvoll. Ein beeindruckendes Schauspiel aus sicherer Entfernung. Friedlich grasen sie gemeinsam vor unseren Fenstern. Und aus unserer Loge mit Rundumblick können wir sie beobachten, bis die Sonne abtaucht. Hier kommt richtiges Wildnisfeeling auf!
Die Plätze, an denen wir übernachten, liegen tief in den Wäldern der kanadischen Wildnis, erreichbar über Wege, die von Holzfällern oder auch über verlassene Landepisten des Militärs oder des Straßenbaus angelegt wurden. Eine kleine Schneise bis zum Flusslauf, am Ende eine Lichtung, die von dichtem Busch und Wald gesäumt ist. Es dämmert bereits, wir sitzen bei einem gemütlichen Abendessen und hören ein Schnauben, dann ein Stampfen, das von der schmalen Zufahrt kommt. Eine Bisonmutter nähert sich unserem Stellplatz. Und wo ein Tier ist, ist das Nächste nicht weit. Und so ist es. Immer mehr Köpfe und massige Körper strömen mit ihrem Nachwuchs auf die Lichtung. Es sind die größten Landsäugetiere Nordamerikas. Da darf man durchaus beeindruckt sein, und das sind wir auch. Die Bullen können bis zu 1.000 Kilogramm wiegen und 2 Meter groß werden. Die Kamera klickt ununterbrochen. Die Herde verteilt sich, beäugt unser Gefährt skeptisch und hält einen sicheren Abstand, was uns wiederum beruhigt, denn bis zu 1.000 Kilogramm sollten sich nicht an unserem Zuhause schubbern oder ihre Hörner wetzen. Und doch scheint sie etwas in Unruhe zu versetzen, denn die ersten Bisons beginnen panisch durch das Unterholz zu brechen. Die Äste krachen, vereinzelt brechen kleine Bäume um, die Muttertiere rufen laut nach ihren zurückgebliebenen Kälbern und dann spüren wir es sogar im LKW: die Erde bebt!
Nachdem der Spuk vorbei ist, die Tiere außer Sichtweite, erkennen wir die breite Schneise, die ihr Voranstürmen hinterlassen hat. Ihr Adrenalin und ihre Hinterlassenschaften erfüllen noch die Luft, kein Vogel zwitschert, es herrscht eine unwirkliche Stille. Wir schauen uns an und sind total beeindruckt von diesen Bisons und den wunderbaren Momenten, die wir mit ihnen erleben. Diese Reise durch die Wildnis Kanadas hat uns nicht nur die beeindruckende Natur und die heimischen Tiere nähergebracht, sondern auch gezeigt, wie wichtig es ist, diese einzigartigen Lebensräume zu schützen. Jeder Moment, den wir in der Nähe von Bison, Bär und Elch verbringen durften, hat uns tief berührt und uns die Schönheit und Zerbrechlichkeit unserer Umwelt vor Augen geführt. Bereichert durch die Erlebnisse und die Erkenntnis, dass die wahre Wildnis ein kostbares Gut ist, das es zu bewahren gilt. Kanada, mit seinen unendlichen Wäldern und seiner wilden Seele, wird immer einen besonderen Platz in unseren Herzen haben.
Anke und Wolfgang