Dieses Land ist nur unwesentlich kleiner als ganz Europa und wird von knapp 40 Millionen Menschen bewohnt. Da wundert es uns nicht, dass Bär und Bison, Elch und Wolf, Puma und Luchs noch die Hüter der Wildnis sind und der Mensch sich hier respektvoll in der Gegenwart dieser wilden Tiere bewegt. Doch bevor nun auch wir uns in das eine oder andere Abenteuer stürzen, werden wir von dem Grenzbeamten unglaublich freundlich begrüßt. Die Kanadier sind ein liebenswürdiges Volk, eine Nation, die durch ihre freundliche Art und ihre Höflichkeit besticht.
Es ist Frühling und unser Reiseweg führt uns aus diesem Grund zu einem der wohl bekanntesten Orte in den Rocky Mountains, dem Banff Nationalpark. Er ist der älteste Park Kanadas und ein beliebtes Reiseziel für Menschen aus aller Welt. Wir wollen noch vor dem großen Touristenstrom im Sommer diese Region besuchen. Der Ort Banff ist ein typischer Standort, von dem der Tourist all seine Aktivitäten zu Wasser und zu Land starten kann: Reiten, Kanuausflüge, Angeln, Gletscherwanderungen, Mountainbike-Touren und vieles mehr! Für uns ist es der Ausgangspunkt, um über den 233 Kilometer langen Icefield Parkway die Rocky Mountains zu bewundern. Diese Panoramastraße führt entlang türkisblauer Flüsse und noch vereisten Seen, an schmelzenden Gletschern und weißen Berggipfeln. Gegenseitig erinnern wir uns auf der Fahrt des Öfteren daran: Einatmen, ausatmen, einatmen, ausatmen! Ja es ist wirklich eine der schönsten Straßen der Welt! Ein Juwel der Natur, das wir bestaunen dürfen! Wir leben in einer Zeit, wo Telefone lauter vibrieren als ein Herz und genau deshalb werden diese Orte für uns in ihrer Bedeutung immer wichtiger. Unsere Telefone haben keinen Empfang und so meinen wir, das Vibrieren unserer Herzen zu hören!
Die Hälfte der Strecke liegt hinter uns. Wir brauchen eine Pause und biegen ab in ein abgeschiedenes Seitental etwas außerhalb des Nationalparks. Dort finden wir einen wunderschönen Platz mitten in der Wildnis an dem mit Gletscherwasser gefüllten Saskatechewan River. Wie haben wir uns unsere erste Begegnung mit einem wilden Bären ausgemalt? Also am liebsten sicher vom Auto aus, das war so immer mein Gedanke. Und doch soll alles anders kommen. Das energiereiche Gras auf den kleinen Lichtungen ist frisch, dunkelgrün mit leuchtenden gelben Löwenzahnblüten übersät. Wie uns gesagt wurde, lieben Bären solche Plätze. Und davon gibt es hier um uns herum einige! Unser Übernachtungsplatz am Saskatechewan River liegt nicht unweit entfernt vom einzigen Highway, der hier durch die von Bergen, Seen und Flüssen geprägte Landschaft führt. Wild, schroff, oft nur schwer zugänglich und in ihrer Schönheit kaum vorstellbar, nur bewohnt von Bergziegen, Wölfen und Bären. Es ist ein ganz neues Gefühl, wenn wir die Komfortzone unseres Wohnmobils verlassen und der Blick aus der Haustür erst einmal alles abscannt, was sich direkt um uns herum befindet. Nicht der Haustürschlüssel ist hier von Wichtigkeit, nein, es ist absolut fahrlässig, ohne Bärenspray hier auf Tour zu gehen. Nach dem Abendessen, die Frühjahressonne steht hier im Norden auch noch spät hoch am Himmel, machen wir uns also auf zu einem kurzen Spaziergang.
Wir schlendern noch in Gedanken an den wunderbaren Tag um die kleine Biegung. Unsere letzte Kurve für diesen Abend. Da werden wir abgrubt gestoppt von dem Anblick des tiefschwarzen Fells eines Bären, seiner felllosen Nase und seinen kleinen knopfrunden Augen. Ein Schwarzbär, ein Männchen und kein kleines Exemplar. Wie war das mit dem Sicherheitsabstand? 100 Meter zu einem Bären. Dieser war keine 20 Meter von uns entfernt! Seine Augen sahen direkt in die unseren, diese Augen strahlten eine Welt der Instinkte und des puren Überlebens aus. Was er wohl über unsere Augen sagen würde? Wir hatten keine Angst, es gab nur dieses Gefühl von Erregung, von Glück, das uns erfüllte. Es dauerte ein paar Minuten, bis er sich entschloss, leise und unglaublich leichtfüßig davon zu traben. Diese Begegnung hatte etwas Friedliches, etwas Magisches. Die Situation ist hier nicht ungewöhnlich und doch überraschend für uns, denn wir sind im Bärenland. Auf jeden Fall eine faszinierende Begegnung. Was an Bären faszinierend ist? Sie sind der Inbegriff von Wildnis und personifizieren das pure Leben!
Auch wir ziehen uns auf leisen Sohlen zurück. An schlafen ist nicht zu denken, noch lange reden wir über diesen wunderbaren Moment. Und dann waren da noch die Waldbisons, aber von ihnen lest ihr beim nächsten Mal. Wenn es noch einmal heißt „wildes Kanada“!
Anke und Wolfgang