Ihren Namen verdanken sie dem Wettlauf. Einer wilden Hatz, einem Wahnsinn, der sie in den Yukon stampfen lies. Das englische Wort für dieses rasende Treiben: Stampede. Doch von den 100.000 Glücksrittern erreichten nur 30.000 die Goldgräberstadt Dawson City. Der Rest scheiterte an den eisigen Pässen, an Betrügern, oder an ihrem eigenem Goldfieber. Wir bereisen den Yukon in friedlicheren Zeiten, im Sommer – nicht, dass der Goldrausch vorbei wäre, nur der Wahnsinn hat nachgelassen. Das Territorium ist genau nach unserem Geschmack: 43.000 Einwohner, 77.000 Elche. 0,08 Einwohner pro Quadratkilometer. (Zum Vergleich: Deutschland hat eine Einwohnerdichte von 237 Einwohner pro Quadratkilometer.) Doch wir interessieren uns weniger für die Schätze unter der Erde. Der Reichtum, den wir suchen, passt in keinen Beutel. Es sind diese Momente, wenn die niemals untergehende Sonne uns schlaflose Nächte beschert und den Himmel in ein unwirkliches, blaues Spektakel verwandelt. Wenn die Bäume lange Schatten werfen, obwohl es doch Mitternacht ist. Die Nacht ist taghell, und der Schlaf kann warten!
Es sind die reißenden Flüsse des Yukons – die mal erdbraunes mal kristallklares aber immer eiskaltes Wasser mit sich führen. Die Flüsse, die große Kiesstrände formen, auf denen wir unser Lager aufschlagen: nicht zu nah am Strom und nicht zu weit entfernt. Denn die Mücken, diese winzigen Tyrannen der Tundra und Wälder, scheuen die Kältezone des Flusses. Während sie nur wenige Meter landeinwärts zu wolkenartigen Plagen werden, herrscht hier an den Ufern eine gesegnete Ruhe. Der kühle Windzug, der uns das eisige Wasser beschert, wird zu unserem Retter.
Der Dempster Highway ist eine der abgelegensten Outback-Routen Nordamerikas und führt durch die kanadische Subarktis – abseits aller Touristenpfade. Quer durch das wilde Herz des Yukons, wo krachend die Elche durch das Unterholz brechen, um dann auf den tiefgrünen Ebenen aus Moos und Flechten zu verschwinden. Elegant traben sie über die weiten Hügel, wo wir tief einsacken und triefend nasse Füße bekommen würden. Wir können uns dort nur bewegen, wo unsere staubige Piste auf einen hoch aufragenden Damm thront – erbaut über dem ewigen Frost. Eine technische Meisterleistung, die Launen der Natur zu nutzen. Was für eine farbenprächtige Welt: ungebrochen, wild und menschenarm.
Unser nördlichster Punkt im kanadischen Yukon endet in Dawson City, dieser einst berüchtigten Goldgräberstadt. Die Fronten der Häuser sind schief, die Farbe blättert ab, doch an jeder Ecke erinnern diese Fassaden aus vergangenen Zeiten an den wilden Westen. Und wenn du die Augen schließt, hörst du die Revolverschüsse, die klappernden Hufe und die lachenden Bardamen. Es sind eigenwillige Gestalten, die durch die staubigen Straßen ziehen, um im einzigen Supermarkt ihre Vorräte aufzustocken: Mehl, Kaffee, Trockenfleisch. Dann verschwinden sie wieder in den Wäldern – zurück zu ihren abgesteckten Claims, wo sie Tag für Tag den Boden durchwühlen, getrieben von derselben Hoffnung, die schon ihre Vorgänger vor 130 Jahren beseelte. Im Saloon um die Ecke steht noch das alte Klavier, auf dem wohl schon zu den rauen Zeiten in die Tasten gehauen wurde. Die Stadt brodelt nicht mehr, doch ihre Gebäude erzählen noch all diese Geschichten – vom Lockruf des Goldes.
Und nun sitzen wir schweigend am Ufer des Yukons, mit Blick in Richtung Alaska und der Gewissheit, dass die wahren Schätze nicht als Goldstaub in den Flüssen zu unseren Füßen liegen. Doch ertappen wir uns dabei, wie wir mit diesen, den Sand unauffällig durchwühlen – in der Hoffnung, was Glänzendes zu entdecken. Morgen packen wir zusammen, lassen die Geister der Goldgräber zurück und stecken uns einen Kieselstein als Andenken in die Tasche. Der Wahnsinn hat nachgelassen. Aber nur ein bisschen.
Anke und Wolfgang